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Freitag, 3. Januar 2014

Three Sisters (Wang Bing, 2012)

OT - San zimei
Regie - Wang Bing
Drehbuch - Wang Bing, Huang Wenhai, Li Peifeng
Erscheinungsjahr - 2012
Laufzeit - 153 Minuten


In einer Szene gegen Ende des Filmes, sehen wir die Älteste der drei Schwestern alleine in ihrem Haus sitzen und lernen. Von draußen schallt die Stimme ihres Großvaters hinein, sei solle doch hinaus kommen und ihm bei etwas helfen. Sie lässt ihre Lernsachen liegen, rennt nach draußen und hilft ihm. Darauffolgend sehen wir, wie der Großvater zuerst und dann das junge Mädchen wieder in das Haus eintreten. Die Kamera bleibt vor der Haustür, während wir sehen wie das Mädchen ihre Lernsachen zusammen räumt und weglegt. In dieser kleinen Geste sehen wir in ihrem Notizblock farbige Bilder, aber nur für den Bruchteil eines Momentes. Ausmachen, was wir da meinen gesehen zu haben können wir aber nicht. Doch für einen kleinen Moment sahen wir etwas, ein Spiegel in das innere dieses kleinen Mädchen, dessen Leben so trist und grau scheint. Und genau hier zeigt sich die große Tat des Regisseurs Wang Bing, in einem Film der so viel Armut zeigt gestaltet sich die Linie zwischen Respekt und Mitleid, welches nur die eigenen überlegenen Lebenssituation nährt. Wang Bing jedoch lässt seinen Figuren ihre Privatsphäre, ihre emotionale Welt. Er dringt nicht in sie ein, um sie für den Zuschauer zu emotionalisieren, sondern lässt ihnen ihre Komplexität als Menschen, (nicht etwa Figuren) indem er ihnen den Raum lässt ihre eigene Gedankenwelt zu haben die eine Kamera nicht zwingend einfangen muss um den Mensch dahinter zu sehen. Natürlich ein Meisterwerk und der beste Film dieses jungen Jahrzehnts.

Freitag, 13. September 2013

Visuelle Anthropologie

Crude Oil
by Wang Bing











Freitag, 5. Juli 2013

Drug War (Johnnie To, 2012)

"I will help you to live."

OT - Du zhan
Regie - Johnnie To
Drehbuch - Wai Ka Fai, Yau Nai Hoi, Ryker Chan, Yu Xi
Kamera - Cheng Siu Keung
Erscheinungsjahr - 2012
Laufzeit - 107 Minuten


In vergleichsweise düsterer Tonart als in all seinen vorherigen Filmen, schreitet To mit seinem ersten wirklichen Genrefilm (jedenfalls für das welches er bekannt ist) in ein neues Jahrzehnt, ja gar in ein neues Land und stellt in der selben Bewegung so manch gewohnte Elemente des Genres auf den Kopf um dessen Grenzen einzufangen. Was Drug War ist, das bleibt das Bild. Doch wo man in vorherigen Filmen noch deutlich Sympathien haben durfte in der Darstellung seiner Gegenüberstellung zwei sich gegen setzenden Kräfte, so hat man hier nichts mehr zum festhalten. Weder Freund noch Feind darf sich in seinen Transgressionen sicher wägen und auf die Stilisierung seiner Taten hoffen, welche die eigentlich unmissverständliche Brachialgewalt (sei es nun die der Polizei oder die der Drogenhändler) einfach einer Zuschauerfreundlichen Revision der Tatsachen unterzieht. Ob Gut oder Böse, Freund oder Feind. Hier gibt es keine Erlösung. Dabei ist die Konsequenz dieser Durchführung der gravierendste unterschied zu anderen Filmen im Genre. To orchestriert hier einen Film voller klarer Linien und Formen, voller Versprechen und zugesagter Hilfe sowie der Flucht vor dem Tod und den eigenen Taten. Doch wenn all dies einen Riss bekommt. Wenn sich die Aussicht auf ein sicheres Ende in eine Einsicht verwandelt, die das optimale Entkommen nicht mehr versichern kann. Dann ziehen sich die zahlreichen Schichten des Menschen ab, ob Familie, Freunde, Menschlichkeit oder Logik. Und alles was bleibt ist der ureigene Sinn zum Überleben. Doch selbst hier lässt To keinen Raum für Romantisierung. Bei ihm wird dieser ureigene Sinn zur alles umschlingenden Gier und mündet in einer der trostlosesten Enden der jungen Filmgeschichte. Der Verlierer ist dabei der Zuschauer, denn nach so viel Leid und Tod gibt es hier keine Befreiung der angestauten Emotionen. Die letztendliche Bestrafung des Menschen der so viel Grauen angerichtet hat verkommt zu dem simplen Akt des drücken eines Knopfes.
Ein Leben endet, der Atem schwindet. Blende ins Schwarze. Drug War. Johnnie To. Verbrannte Erde...




Dienstag, 26. März 2013

Karamay (Xu Xin, 2010)

"[...] During the performance a fire breaks out in the hall, killing 323 people and wounding over 130. Most of the casualties are schoolchildren between the ages of 6 and 14. Karamay City officials escape with no more than minor injuries."

Regie & Kamera - Xu Xin
Erscheinungsjahr - 2010
Laufzeit - 356 Minuten


"Karamay" ist bei weitem kein vollkommen singuläres Erlebnis (Erlebnis im Kontext der Form) im Kino. Die Endscheidung einen Dokumentarfilm zu machen der fast ausschließlich durch seine einseitigen Interviews strukturiert/definiert ist, mag dem einen oder anderen vielleicht schon bekannt sein. Unter den wenigen Beispielen dieser konsequenten dokumentarischen Ausdrucksform findet man auf der einen Seite Claude Lanzmanns "Shoah", der z.B. komplett auf Archivmaterial verzichtet (etwas das "Karamay" verständlicher weiße nicht machen muss, da seine Thematik ja anders als der Holocaust kaum bekannt ist und sogar systematisch unterdrückt wird), wobei sich auf der anderen Seite der Chinese Wang Bing befindet mit seinem Film "He Fengming - Chronicle of a Chinese Woman" welcher diese Form endgültig purifiziert in dem er komplett auf externe Realitäten verzichtet und für die gesamte Laufzeit nur einer einzigen Person gegenüber sitzt und ihrer Geschichte zuhört. Xu Xin ist somit also nicht alleine mit seinem Film. Einzigartig ist "Karamay" aber trotzdem. Die angesprochenen Filme kehren auf ihre Weiße nämlich den gemeingültigen Standard vieler Dokumentarfilme um, in dem sie den Zuschauer nicht aufklären oder ihm gar etwas erklären wollen. Man will sie dazu bringen zuzuhören. Eine alternde Aktivität in unserer Zeit. Doch ist dies die wirklich menschlich/moralisch/anthropologisch vertretbare. Dem Zuschauer auf der Couch oder in dem dunklen Kinosaal eben mal nicht durch ein artifizielles oder didaktisches Vorgehen eine Geschichte miterleben lassen, nach dem "Privilegierten Prinzip", die andere Menschen durchlebt haben. Sondern uns die Gesichter und Körper dieser Personen vorzusetzen. Ihre Stimmen. Ihnen einfach mal wirklich zuzuhören. Sie das sagen zu lassen wofür sie von ihrer Gesellschaft in den Wahnsinn getrieben werden. Ihren Worten lauschen. Die kleinsten Unebenheiten und Brüche in ihren Gestiken oder Stimmlagen wahrnehmen. Ihren Schmerz sehen, nicht "Vor-fühlen" lassen. Wir hören die zahlreichen Testamente einer tragischen Nacht die zu vielen unschuldigen Menschen sinnlos das Leben genommen hat und müssen mit noch tragischer Erkenntnis dessen Konsequenzen erfahren. In der Mitte des Filmes sagt eine Frau sehr passend "Wir haben so viele Probleme über die wir nur Reden können. Dies ist unsere einzige Waffe." Eine Waffe namens Wahrheit dessen Kraft sich die Mächtigen des Landes nur allzu bewusst waren und immer noch sind, weswegen sie den Opfern diese Waffe entzogen hatten. Xu Xin gibt sie ihnen durch seine Kamera zurück.

Montag, 11. März 2013

Petition (Zhao Liang, 2009)

"Are we not humans?"

OT - Shang Fang
Regie & Kamera - Zhao Liang
Erscheinungsjahr - 2009
Laufzeit - 123 Minuten


Das System gegen das Individuum. Ein ewiger Kampf, dessen Verlierer die Menschlichkeit des einen ist und leider immer öfters das Leben (im wörtlichen oder eben übertragenen Sinne) des anderen fordert. Doch ist das hier nicht Kafka oder Orwell. Dies ist keine Zukunftsvision oder Fiktion. Dies ist leider Realität. Und die ist wie so oft noch abstruser in ihren Ausmaßen und fataler in ihren Konsequenzen als man es sich ausmalen könnte. Immer mit dem Drang nach vorne, mit dem einen Ziel vor Augen rettet Zhao Liang mit Petition ein Bild der Realität vor seiner Verfälschung oder dem vollkommenen Vergessen. Ein Bild in welchem der Mensch auf seiner Suche nach Gerechtigkeit durch eine nur sich selbst nutzende Bürokratie in ein Leben der Transgression gezwängt wird, während um ihn herum seine Stadt vollkommen der Progression verschrieben ist. Hoffnung ist in diesem Leben nur der Ausbruch aus dem Kreislauf. Entweder durch den eigenen Tod oder durch das Aufgeben der Suche nach dem was doch eigentlich "Richtig" sein sollte. Wie ein Schnellzug auf der einen Seite das Leben einer alten Dame nach ihrem jahrelangen und erfolglosen Kampf nach Recht brutal beendet hat, bietet er einem jungen Mädchen das jahrelang an der Seite ihrer Mutter ihr eigenes Leben aufgegeben hat nun die Hoffnung auf ein neues Leben.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Man with no Name (Wang Bing, 2009)

"..."


OT - L’homme sans nom
Regie - Wang Bing
Kamera - Wang Bing, Lu Songye
Erscheinungsjahr - 2009
Laufzeit - 92 Minuten


Was ist ein Mensch in seine Essenz. Was ist ein Mensch wen man ihn auf seine grundlegenden Verlangen herunter bricht. Er brauch Nahrung/Flüssigkeit und einen Platz zum Schlafen. Essen, Schlafen, Trinken. Der Körper wird zur endgültigen Manifestation des Seins. Geistiges Verlangen, die Wärme der Mitmenschen, materielles sowie sexuelles Vergnügen oder persönliche Auslebung der eigenen Bedürfnisse oder Interessen treten in den Hintergrund. Nein sie verschwinden fast komplett. Nicht weil sie etwa unwichtig sind (denn das sind sie nicht), sondern weil sie eben auch nicht wichtig für das sind was ein Mensch zum überleben braucht. Den der Mensch in seine Essenz ist ein Mensch der überleben muss. Das gilt auch für den Menschen des 21. Jahrhunderts. Er hat es zwar durch enormen Fortschritt geschafft den Prozess der Nahrungssuche so umzuwandeln das dieser aus Geldverdienen und Einkaufen besteht und somit nicht darauf angewiesen ist seine Nahrung aktiv zu Jagen oder zu erstellen. Doch das Prinzip ist das gleiche, es hat nur angenehme und passivere Züge angenommen. Und dieses Prinzip wird auch weiterhin Bestand haben solange die Technologie noch nicht im Stande ist diese elementaren Bedürfnisse unseres Körpers null und nichtig zu machen. Der Mensch braucht diese Dinge um zu überleben, dagegen kann ein Iphone oder all unsere Errungenschaften eben auch nichts ausrichten. Der Mensch muss Essen, er muss Trinken, er muss ausscheiden und er muss schlafen. Sonst stirbt er. Klingt nach einer sehr vereinfachen Darstellung ist aber generell unsere Natur.


Wang Bing zeigt uns in seiner Dokumentation genau das. Er gibt uns einen Mann dessen Leben auf diesen Tätigkeiten des Überlebens begrenzt sind. Ein Mann fernab der menschlichen und zivilisierten Welt. Ein Mann der sein Dasein alleine irgendwo in einem unbenannte Teil Chinas in einem Loch fristet. Er Lebt in diesem Loch. Die einzigen Spuren dort drinnen auf ein weitreichendes Leben da draußen sind die Plastiktüten welche er zum Aufbewahren bestimmter Utensilien benutzt. Seine Kleidung ist Teil der Erde geworden auf  und in welcher er Lebt. Eine Erde welche ihm, neben dem Dach über seinem Kopf, auch für seine Ernährung sorgt. Am Tag macht er sich auf den Weg und sammelt in der Nähe eines kleinen Dorfes (ohne dabei aber mit den Bewohnern in irgendeine Form von Kontakt zu treten) den Kot der Pferde ein. Dies brauch er als Dünger. Denn wie gesagt, die Erde beliefert ihn auch mit Nahrung. Er bestellt sein Feld, gräbt es um, sammelt die Saat seiner Arbeit ein, führt sie seinem Körper hinzu und fängt wieder von vorne an. Egal ob bei Schnee, Regen oder Hitze. Denn der Mensch muss überleben.


Wang folgt diesem Einsiedler bei seinen Tätigkeiten also und zeigt hier erneut, selbst in diesem eigentlich recht "kleinen" Film in Sachen Laufzeit, warum er ein so begnadeter und wichtiger Filmemacher für sein Land und für das Kino im allgemeinen ist. Wang kommuniziert während dem ganzen Film nicht mit dem Mann. Er respektiert seine Endscheidung der Einsamkeit in welche der Mann sich zurückgezogen hat. Also fast schon anthropologisch ins einer Umsetzung lässt Wang diesen Menschen in seiner Welt so weit es geht und dokumentiert somit ein Leben das es im 21. Jahrhundert kaum noch gibt. Seine Bilder sind dabei immer frei von Urteilen oder Partei aber zugleich doch von so viel Respekt für das gefilmte so dass Elemente wie z.B. die Plastiktüten in dem Erdloch nie zynisch oder Ironisch dargestellt werden. Wir sehen hier also das Leben eines Mannes wie beim Anbeginn unserer Spezies. Ein Leben das wortwörtlich mit der Erde verbunden ist und von ihr abhängig scheint. Umso drastischer und eindringlicher wird es dann für den Mann wenn diese Erde ihm dann mal einen Streich spielt und somit die einzige wirklich beobachtbare emotionale Reaktion in ihm hervorruft die wir in dem Film zu sehen bekommen. Dies untermauert dann endgültig die Qualität des Films. Oder um jetzt mal in Pathos zu verfallen: Mit das Ehrlichste was das Kino je hervorgebracht hat. Das Portrait eines Mannes durch die Kamera für Nachwelt präserviert. Eines Manns ohne Namen.


Sonntag, 4. November 2012

Just an Image # 5

Tie Xi Qu: West of the Tracks (Wang Bing, 2003)


Samstag, 20. Oktober 2012

Paper Airplane (Zhao Liang, 1997)

"When you quit, you must have felt like you'd left thet life behind."


OT - Zhi feiji
Regie & Kamera - Zhao Liang
Erscheinungsjahr - 1997
Laufzeit - 77 Minuten


Die Ethik des Dokumentarfilmes ist schon seit den Anfängen des Kinos eine immer wiederkehrende Frage. Die Frage nach dem Wann. Wann ist zu nah. Wann ist zu fern. Wann ist es zu subjektiv. Wann zu didaktisch. Wann ist Schluss. Und wann habe ich die Realität so sehr verzerrt das ich den Zuschauer sowie den gefilmten Menschen unrecht tue. Antworten auf diese Frage(n) gibt es viele. Von der unverfälschten Beobachtung des Direct Cinema bis hin zu den Populisten legt sich im Endeffekt jeder seine Prinzipien weitestgehend selbst fest. Meist ganz einfach als Teil der natürlichen Entwicklung welche sich von Film zu Film und von Erfahrung zu Erfahrung ausweitet. Zhao Liangs Paper Airplane ist dahingehend interessant da man hier diesen Prozess des Suchen nach der eigenen Sprache des Filmemachers gut erkennt. Was eigentlich ein Dokument sein sollte welches die zu dieser Zeit aufkeimenden Rock/Punk Kultur Chinas auffangen sollte, entwickelte sich für Zhao nach einer Weile zu einem Abstieg in den, aus genau diese Szene entstandenen, Drogensumpf. Er lernt Leute kennen, ist aktiv mit seiner Kamera, mit seinem "Subjekt" in Kontakt und redet direkt mit ihnen offen über den nächsten (oder doch letzten) Schuss oder die Gedanken an den nächsten Entzug. Man merkt schon gut das Zhao ein gutes Auge für Details hat welche allzu menschliches sehr gut einzufangen weiß. Was zu großen Teilen natürlich daran liegt das er Photographie gelernt hat. Doch neben diesem Willen nach der Interaktion spürt man dennoch oft den Rückzug ins Beobachtende, das Gefühl nach Rückzug der Kamera wenn sie in Momente eindringt welche mit ihrer Präsenz verfälscht werden würde. Man merkt einen Zwiespalt in der Umsetzung. Wenn die Mutter sowie zwei Freunde auf eine junge Frau einreden und sie zum Entzug überreden wollen, bei ihr aber nur auf taube Ohren stoßen, ist die Kamera in die letzten freien Ecke das Raumes geflohen und verharrt auch dort. Doch wenn einer der Drogensüchtigen mitten im Rausch ist passiert es auch mal das sie ganz aktiv in dessen Nähe herumschwirrt. Zhao scheint also nicht daran interessiert zu sein den destruktiven Lebensstil der Personen zu Verurteilen doch macht er trotzdem klar welche Folgen dieser hat. Die erste Person welche wir im Film sehen sagt, während er seine Nadel für den angeblich letzten Schuss säubert, das er aufhören will mit dem "scheiß". Er nimmt das bisschen was er noch hat, doch dann sei für ihn Schluss. Am Ende des Film (zwischen dem Versprechen vom Anfang liegen ca. 2-3 Jahre) liegt die gleiche Person in einem Krankenhausbett mit Nierenschaden nach einer Überdosis. Zhao mag in diesem seinem zweiten Dokumentarlangfilm zwar noch auf der Suche nach dem richtigen Weg, der richtigen Ausdrucksweise für seine Form sein, doch ist dieses Suchen schon eine eindrucksvolle Tour die gerade durch ihre ab und an auftauchenden Unsicherheiten im Umgang mit dem gefilmten (gerade bei solch einer Thematik) Wirkung und Menschlichkeit zeigt.

Montag, 27. August 2012

To Live Is Better Than to Die (Weijun Chen, 2003)

"I dreamed about death..:"


OT - Hao si bu ru lai huo zhe
Regie & Kamera - Weijun Chen
Erscheinungsjahr - 2003
Laufzeit - 88 Minuten



In den frühen 90er Jahren ermutigte die Regierung Chinas seine Bevölkerung zum Blutspenden. Man könne sich so ja eine kleine Summe extra dazu verdienen. Gutes würde man natürlich damit auch noch tun. Und es ist im Endeffekt ja sowieso nur ein kleiner Stich. Ein kleiner Stich. So dachten es sich viele damals und gingen zum Blutspenden. Das Ende dieser noch lange nicht erzählten Geschichte ist: 60 % der Spender infizierten sich, aufgrund nicht ausreichender Desinfektion, mit HIV. 60 %. Noch mal: 60 %! Die Tatsache das HIV/AIDS sowie die damit zusammenhängenden Komplikationen damals noch nicht so bekannt waren in diesen Regionen führte dazu das viele der Spender ihr Leben einfach weiter lebten. Mit ihren Ehepartnern. Und dementsprechend auch Kinder zeugten. Dies macht das ganze Elend welches da auf einen zusteuert nur noch unerträglicher. Regisseur Weijun Chen observiert und interagiert mit einer Familie die von diesem Schicksal getroffen worden ist. Es ist eine junge Familie. Mann und Frau sind ca. Anfang 30. Sie sind seid ihrer Kindheit zusammen. Die jeweils erste Liebe. Sie haben drei Kinder. Alle unter 10 Jahren. Eine Geschichte die dem Bilderbuch entspringen könnte, doch ist dies nicht Fiktion. Dies ist das Leben, von seiner bösen (?) Seite. Die gesamte Familie, außer der ältesten Tochter (da sie vor dem Blutspenden gezeugt worden ist) haben AIDS. Vater. Mutter. Die kleine Tochter. Und der noch kleinere Sohn. Nach dem Film mag man sich wahrlich Fragen was der Titel denn nun genau sagen will. Ist das unfassbare, ja unerträgliche Leid was man die vorangegangenen Minuten gesehen hat doch physisch nicht zu ertragen. Und dabei meine ich nicht mal den Schmerz der zu fühlen ist wenn man die Mutter sieht, welche kaum einen Blick auf ihre Kinder werfen kann der nicht von einem Todeswunsch begleitet wird den sie in sich hat seit dem sie weiß was sie ihren Kindern angetan hat. Nein. Man muss nur in die großen fröhlichen Augen des kleinen Mädchen sehen, und schon ist das Leben die Hölle auf Erden. Und wieder kommt man zum Titel zurück. Warum ist es besser zu Leben, wenn selbiges dieses für einen bereit hält. Es ist eine schwierige Frage, eine die wahrscheinlich, speziell im Angesicht solch kosmischem Leids auch keine Antwort hat. Doch gibt es eine, die Sinn macht. Eine die man erst spät sieht. Wenn die Mutter schon längst der Krankheit erlegen ist. Wenn man sieh wie der Vater, selbst nach dem Verlust seiner einzigen Liebe, noch im Leben bleibt. Stark bleibt, für seine Kinder, von denen das jüngste (so ein Arzt) höchstens noch 1-2 Jahre Lebenserwartung hat. Doch er bleibt da, er will und kann seine Kinder nicht alleine lassen. Denn dann wären sie komplett verloren. Doch er bleibt. Und der Titel macht langsam immer mehr Sinn. Und das Leben wird zur gleichen Zeit etwas heller, aber ebenso wohl auch viel dunkler. Denn dies war eben nur eine Geschichte. 60% bleiben unerzählt!

Donnerstag, 26. Juli 2012

Chronicle of a Chinese Woman (Wang Bing, 2007)

"..."


OT - He Fengming
Regie & Kamera - Wang Bing
Erscheinungsjahr - 2007
Laufzeit - 186 Minuten


Eine alte Dame läuft durch leergefegte Betonhäuserschluchten. Sie hat eine kleine Tüte in der linken Hand. Mit gleichmäßigem aber bedachtem Schritte läuft sie voran. Es scheint Winter zu sein. Sie trägt eine Roten Jacke. Auf dem Boden sind kleine Eislachen über welche sie langsam drüber läuft um nicht auszurutschen. Weit und breit ist niemand zu sehen oder hören. Es ist später Nachmittag. Oder früher Abend. Die alte Frau erreicht einen Hauseingang, sie tritt ein. Die Kamera, welche ihr den ganzen Weg gefolgt ist, bleibt vor der Tür stehen. Sie ist zögerlich, will nicht eintreten. Respekt. Oder doch Ehrfurcht und Angst vor dem was man gleich hören wird. Nun sind wir im Hause der alten Dame, sie läuft durch ihre Wohnung, die Kamera bleibt in einer Einstellung. Die Frau trägt etwas Tee in einen Raum der aussieht wie ein Wohnzimmer. Sie setzt sich auf einen Sessel. Die Kamera, welche bis dato außerhalb dieses Zimmer hineinschaute springt nun durch einen Schnitt ihr direkt gegenüber. Wir sehen das erste mal das Gesicht der Dame. Ein Gesicht welches wir für die nächsten drei Stunden sehen werden, es sehen und manchmal auch Wünschen es doch vergessen zu können, es nicht sehen zu können. So ist das was dieses Gesicht, dieser Mensch erzählt doch schwer zu ertragen. Doch die Kamera bleibt ihr gegenüber. Drei Stunden lang. Sie erzählt von ihrer Jugend, wie sie die Chance auf eine gute Universität zu kommen ausschlug um den Revolutionären beizutreten. Wie selbige sie und ihren Mann dann aber als Rechte bezeichneten wegen eines Essays des Mannes über die Unfähigkeit der Gesellschaft konstruktive Kritik aufzunehmen. Wie sie daraufhin täglich diskriminiert worden sind. Wie sie nach langem leiden Verurteilt wurde, von ihrem Mann und Kindern getrennt ins Arbeitslager geschickt worden ist. Wie sie daraus entkam um ihrem Mann in einem anderen Arbeitslager zu retten welche am verhungern war. Wie sie ihn nicht fand. Wie sie leidet. Doch erzählt sie all dies in solch gleichbleibendem Ton, in solch einer Ruhe. Wie sie da sitzt in ihrem kleinen Wohnzimmer. Nur ab und an gerät die Stimme ins stocken, doch Tränen sind nie zu sehen. Und die Kamera sitzt ihr gegenüber. Ich selbst hab leider keine intelligenten Wörter parat um zu erklären warum das was Wang Bing hier gemacht hat, und wie er es gemacht, hat so verdammt groß ist. Der Kritiker Andrew Chan hat es aber gut getan, deswegen:

"[...]The American poet Muriel Rukeyser asked, “What would happen if one woman told the truth about her life?”; her answer: “The world would split open.” The tragic extremes of Fengming’s biography seem to demand such a cosmic response, or at least some physical manifestation or visual correlative onscreen, and yet that’s precisely what Wang denies us with his stable camera and minimal editing. Spoken in a small voice in the privacy of a woman’s cramped living room, truth is stripped of its melodramatic and heroic trappings—self-evident in its value, but uncertain in its efficacy as a catalyst of social (let alone supernatural) transformation. Above all, in the span of these three hours, we experience Fengming’s safety—her freedom from physical harm and the fear of greater loss—as if it were as epic a condition as political peril. We wonder how a life that has been propelled moment-to-moment by struggle adjusts to this sedate, solitary aftermath, on this side of a horrific century. Teacups sit on a cluttered table; a microwave is perched on a stand in the corner; a poster of the character fu—meaning good fortune—lies inconspicuously and without irony on the sofa. And light through a window may or may not signal the persistence of beauty. The unshakable power of Wang’s film lies in the tension between its fraught subject and its calm setting, in its desire to function as both a cry of pain and a sigh of relief."

Mittwoch, 11. Juli 2012

Betelnut (Yang Heng, 2006)

"I saw a cute girl in the Internet cafe the other day."

OT - Binglang
Regie, Drehbuch und Kamera- Yang Heng
Erscheinungsjahr - 2006
Laufzeit - 116 Minuten


Mit Blissfully Yours und Hou's A Summer at Granpas ist Betelnut einer von wenigen Filmen die für mich die träge Atmosphäre der heißen Sommertage wieder spiegelt. Nichts zu tun außer Nichtstun. Das Leben steht still und es bleibt nichts anderes als warten. Für die beiden Protagonisten ist es ein warten auf Zusammenkunft, auf die erste Liebe. Die Zeit dahin wird totgeschlagen mit Diebstählen, Prügeleien mit anderen jugendlichen und das langweilen am Flussufer. Und wenn die Liebe dann mal kommt ist sie auch schon so schnell weg wie sie aufgetaucht ist. Mit konsequentem Sinn für kontemplativem Minimalismus photographiert Yang mit statischer Präzision die großangelegten Landschaften und die offenen Städte welche den Film sowie die antriebslosen Charaktere vorantreiben. Vorantreibt in eine Lebensphase aus Nichts und wieder nichts. Den das Leben steht still, es steht still...

Donnerstag, 7. Juni 2012

Just an image #4

I Wish I Knew ( Jia Zhangke, 2010)


Sonntag, 20. Mai 2012

Still Life (Jia Zhangke, 2006)

"But it's under water!"

OT - Sanxia haoren
Regie - Jia Zhangke
Drehbuch - Jia Zhangke, Na Guan, Jiamin Sun
Kamera - Nelson Yu Lik-wai
Erscheinungsjahr - 2006
Laufzeit - 111 Minuten

Mehr als 4 Millionen Menschen wurden bis 2008 umgesiedelt aufgrund der Flutung von einem mehr als 600 Kilometer langem Reservoir. Alles für das Megaprojekt der Drei-Schluchten-Talsperre. Ein gigantischer Staudamm welcher enorm viel Energie herstellt und dafür sorgt das, vor allem in dieser Region, häufige Überflutungen und dessen Schäden zu minimieren. Zwei sehr positive Eigenschaften. So hat China also etwas wertvolles gewonnen mit dem Bau dieses Monsters. Doch was hat es verloren? Ist das Endresultat wirklich so erstrebenswert gewesen um all diese Missstände welche durch den Bau auftraten zu akzeptieren? Schwer zu sagen für uns Außenstehende. Doch bietet Jia Zhangkes Still Life uns einen exzeptionellen Blick in diese fast schon apokalyptisch anmutende Umgebung kurz vor der Flutung. Grob gesehen geht es um zwei Menschen die beide, aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft nach Fengjie reisen um nach Personen zu suchen die sie lange nicht mehr gesehen haben. Für den Mann aus ärmlichen Verhältnissen ist es die Ex-Frau und das gemeinsame Kind welche er seit 16 Jahren nicht mehr gesehenen hat und für die Frau (gespielt von Jias Muse, der schönen Zhao Tao) aus bürgerlichem Mittelstand ist es er Ehemann von dem sie seit zwei Jahren nichts mehr gehört hat.


Jia folgt den zwei Personen mit weichen tracking shots und kontemplativer Ruhe durch diese bald im Wasser untergehenden Umgebung und verbindet ihre zwei Wege nur durch ein Element welches in all dem Realismus anfänglich leicht verwirrend wirkt. Der Übergang zwischen der Geschichte des Mannes und der der Frau sowie der zurück wird durch das sichten eines Ufos erzeugt. Ein Element welches, wie schon gesagt, in Jias wirklich enorm realistisch gehaltenem Stil, welcher auch durch die Umgebung entsteht, wie ein Fremdkörper wirkt. Wieso also so eine übernatürliche Erscheinung? Wieso so etwas nicht Weltliches mag man sich jetzt fragen. Doch sieht man sich in der Welt des Films genauer um und schaut auf die Umgebung durch welche unsere beiden Personen laufen dann scheint sich da langsam eine Parallele anzubahnen. Denn aufgrund der großen Umsiedlung von ganzen Städten und der darauffolgenden Überflutung mussten auch die ganzen Gebäude zerstört werden. So stehen also Männer auf den Häusern und hauen mit ihren Hämmern Tag für Tag auf den Beton, und langsam wird aus einer einstigen Stadt mit Leben eine fast schon dystopisch anmutende zertrümmerte Welt in der es nun stets um Reduktion geht. Es ist ein sehr befremdlicher Anblick, eine sehr lebensfeindliche Umgebung durch welcher unsere zwei Protagonisten laufen mit samt ihren individuellen Problemen, wobei der Mann dann sogar beim demolieren hilft da es gutes Geld bringt. Deshalb dann auch das Ufo, oder das Gebäude welches in der Mitte des Filmes wie eine Rakete im Himmel verschwindet. Jia braucht einfach etwas um dieses gigantische topographische Verschwinden zu repräsentieren. Als er das erste mal diese Gegend besuchte mit all der Zerstörung, all der Asche, all dem Betonskeletten dachte er sich das so etwas doch nicht von Menschenhand gemacht werde könnte. Dieses Gefühl, diese Erfahrung, welche nicht nur er sondern auch jeder einzelne der davon betroffen war empfand, dies versucht er auch uns spürbar zu machen. Still Life verkörpert exakt das und zeigt uns das Opfer welches bei solch einem großen Projekt übersehen und für notwendig empfunden worden ist.  Ein Landstrich der sich selbst zerstört, an Anblick so wortlos wie absurd.

Donnerstag, 17. Mai 2012

24 City (Jia Zhangke, 2008)

" I'd really hide my tears and pretend to be happy."

OT - Er shi si cheng ji
Regisseur - Jia Zhangke
Drehbuch - Jia Zhangke & Yongming Zhai
Kamera - Wang Yu, Nelson Yu Lik-wai
Erscheinungsjahr - 2008
Laufzeit - 112 Minuten


Fünf mal Realität. Vier mal Fiktion. In 24 City kommt Jia Zhangke dem Wesen der Erinnerung und der Geschichte seiner Nation und auch dem Wesen der Geschichte als Vergangenheit Rekonstruierendes Werkzeug generell, näher als je zuvor. Was anfing ein "normaler" Dokumentarfilm zu werden über eine staatliche Fabrik, dessen Sinn die Herstellung von diversen Flugzeugkomponenten oder Rüstungsgegenständen ist und welche nun platz machen muss für einen eleganten und modernen Apartmentkomplex wurde nach einiger Zeit in der Produktion zu etwas deutlich größerem. Die eigentliche Intention war es mehrere Personen zu Interviewen die allesamt persönliche Geschichten über ihre Zeit und Erlebnisse in dieser Fabrik wiedergeben durften. Verständnis halber sei angemerkt das zu der "Fabrik 420" auch eine eigene Arbeitersiedlung gehörte mit Wohnungen sowie einer Schule, einem Kino oder zum Beispiel auch einem Schwimmbad. So gesehen geht mit der Rüstungsfabrik 420 also auch eine kleine Stadt, dessen Menschen nicht wirklich zum Klientel der bald heraufgezogenen Apartments gehören. Dies war die Grundidee welche durch das Thema allein schon Stoff für einige interessante Fragen bezüglich der stetigen Globalisierung Chinas und dessen dazugehörigen Opfer stellte. Doch Jia wurde nach einigen Interviews etwas bewusst, etwas fehlte, etwas wichtiges. Fiktion. Ihm wurde klar das er den Film nicht nur mit realen Nacherzählungen füllen konnte um die für ihn wichtige Auseinandersetzung mit Erinnerungen und Geschichte wirklich wahrhaftig im Film wiederzugeben. Für ihn besteht Geschichte nämlich nicht nur aus dem Realen sondern auch aus der Fiktion, der Vermischung beider. Man erinnere sich nur an Masaki Kobayashis exzellenten Film Harakiri aus dem Jahre 1962 um dieses Empfindung zu verstehen.


So entschied Jia sich also den Film aufzuteilen, er zeigt uns auf der einen Seite reale Arbeiter mit realen Geschichten und auf der anderen Seite erfundene Geschichten erzählt von Schauspielern. Was davon nun wahr und falsch ist bleibt uns zu überlassen da er dies nicht ankündigt. Wäre man sich der Tatsache z.B. nicht mal bewusst würde man dank der authentischen Darstellung der Personen gar nicht erkennen das hier überhaupt was nicht der Wahrheit entspricht sondern ein Teil der Fantasie des Regisseurs entsprungen ist, was für den Film spricht. Mit dem Wissen, welches spätestens dann kommt wenn man Jias Muse, Zhao Tao, welche auch in all seinen anderen Filmen mitspielte, zu Gesicht bekommt wird "24 City" zu einem nicht nur sehr aufwühlendem Werk aufgrund der persönlichen Schicksale der Personen sondern auch ein enorm Stimulierendes. In typischer talking heads Mode sitzen nämlich neun Menschen vor der Kamera und erzählen, meistens tragisches und für jene Leute existenziell äußerst erschütterndes. Doch sie sitzen nur und erzählen und erzählen und zwischen den Interviews gibt uns Jia Bilder der "Rüstungsfabrik 420" und dessen unerbittliches dahinscheiden sowie Bilder der nun aus der Asche dieser Erinnerung heraus entstehenden Apartments. Und inmitten all des Erzählens wird man sich langsam eines Spruches bewusst welches lautet "show, don't tell" und man mag sich fragen was es bringt für Minuten nur einer Person beim Reden zuzusehen. Das ist doch nicht Film? Oder? Naja, Film ist alles, da gibt es keine Limitationen. Denn wie Bordwell einst sehr gut argumentierte das zwar dies zeigen-aber-nicht-erzählen meistens der Richtige Weg sei in diesem Medium es manchmal auch eine große Wirkung durch das "show the telling" entstehen kann in den Richtigen Händen. Zeige das erzählen. So sind die Geschichten doch zu innig und tiefempfundene, egal ob Real oder Fiktion oder mit dramatischem oder realistischem Ton, als das man sie rekonstruieren sollte. So ist 24 City in letzter Konsequenz nicht nur ein enorm menschlicher Film sondern auch ein Film über Film und dessen suggestiver Fähigkeit Erinnerungen für uns sichtbar zu machen ohne die eigentlichen Bilder zu ihnen versuchen wiederzugeben um somit die Wahrheit der Erfahrungen akkurater darzustellen.

Dienstag, 8. Mai 2012

The World (Jia Zhangke, 2004)

"Got some Band-Aids?"

OT - Shijie
Regie & Drehbuch - Jia Zhangke
Kamera - Nelson Yu Lik-wai
Erscheinungsjahr - 2004
Laufzeit - 138 Minuten




The World hat einen besonderen Standpunkt in der Karriere von Jia Zhangke. Es ist der erste Film für den er eine offizielle Genehmigung von dem Chinesischen Filmbüro bekommen hat. Dies war vor allem für ihn sehr wichtig da er den Film nun auf den großen Leinwänden des Landes zeigen konnte. Nun mag man durchaus denken das das erhalten dieser Genehmigung die Integrität des Regisseurs gekostet hat. Eine begründete Angst die von dem Film aber schnell als haltlos offenbart wird. Schon in der ersten Szene, arrangiert als lange kontinuierliche Einstellung, zeigt uns Jia das er für The World seinen Realismus nicht verloren hat. Die Kamera folgt einer Frau gekleidet in einem orientalische Anmutendem grünen Kleid durch einen langen Korridor. Von allen Seiten hört man hektisches Getümmel. Eine große Show steht an und wir befinden uns hinter den Kulissen. Die Frau in grün läuft und ruft ununterbrochen ob den jemand ein Pflaster hat. Ein Pflaster. Nur eins. Ein Königreich für ein Pflaster. Sie biegt in die erste Umkleide ab und fragt, doch keiner kann ihr Verlangen befriedigen. Bis sie von irgendwo dann endlich ein Ja hört. Die Frau weiß wer da gerade geantwortet hat, man kennt sich ja, und bekommt endlich von einer Kollegin ihr heißersehntes Pflaster. Sie lässt sich auf dem erstbesten freien Stuhl nieder um es zu entpacken. Um sie herum ist aber eine Umkleide voller komisch gekleideter Personen die sich anziehen. Oder es jedenfalls versuchen, so stürmt nämlich sofort eine ihrer Freundinnen auf sie zu noch bevor das Pflaster seinen rechtmäßigen Platz am Körper der grün gekleideten Frau finden konnte. Ihr Kleid geht nicht zu. Der Reißverschluss klemme. Dabei fängt das große Spektakel doch gleich an. So wird also versucht mit aller Gewalt diesen Reißverschluss endlich zu entklemmen, ohne Erfolg. Doch die Zeit wird knapp, die Organisationsleiterin steht schon in der Umkleide und scheucht die anwesenden raus auf die Bühne. Die Show fängt doch jetzt an. In letzter Sekunde also holt unsrer grüne Frau eine Sicherheitsnadel und schließt mit ihr das Kleid einfach provisorisch zu. Fertig. Das Mädchen rennt glücklich raus. Nun ist auf einmal ruhe. Alle sind weg. Die Frau im grünen Kleid setzt sich auf eine Stuhl und nun sehen wir auch wo das Pflaster hinkommt, was ihr denn so Schmerzen bereitet hat das sie unbedingt ein Pflaster wollte - Die Füße. Ein Bild so einfach wie aussagekräftig. Entwicklung durch Offenbarung also. Oder so ähnlich. Jias Hang zum Realismus, zum realen Realismus welcher seine vorherigen Filme auszeichnete, ist auch hier schon in der ersten Einstellung, in dieser ersten Szene gut sichtbar und bietet uns zudem einen guten Einblick in die ineinandergreifende Struktur des Ortes in welchem der restliche Film spielen wird. Eine "Welt-Park" in welchem man nur fünf Minuten laufen muss um vom Eiffelturm zu den Pyramiden in Gizeh zu kommen. Eine Welt also, auf kleinsten Raum nur durch Metropolen gekennzeichnet, in welcher trotz all der kulturell dargestellten Unterschiede und fast lebensgroß nachgestellten Wahrzeichen die soziale Komponente der Personen die in diesem Park arbeiten, der Menschen also, am wichtigsten und zentralsten ist. Kino als Fenster zur Welt, in der Welt.

21th Century Cinema in Images - The World














Sonntag, 1. April 2012

Along the Railway (Du Haibin, 2000)

"My mother told me that was the first time she was beaten..."

Regisseur & Kamera - Du Haibin
Erscheinungsjahr - 2000
Laufzeit - 100 Minuten



Ein junger Bub, nicht älter als 14, sitzt am Rande eines Bahngleises. Er ist einer von vielen Obdachlosen die in diesem Areal "wohnen". Regisseur Du Haibin, welcher mit seiner Videokamera durch diese Gegend streift um mit diesen Personen zu reden, sitzt vor ihm und hört ihm zu. Der junge Mann hat das verlangen zu reden. Nicht über irgend etwas triviales sondern sehr persönliche Details werden dargelegt. Er erzählt von seinem Vater, dessen drei Ehen, von seiner Mutter, von aggressiven Tendenzen des Vaters gegenüber den Frauen. Er erzählt wie er abgehauen ist von zu Hause. Er gibt der Kamera ein wichtigen Teil seines Lebens preis, einen der nicht wirklich leicht zu sein scheint aber trotzdem nach außen getragen werden muss. Mitten in dem Gespräch nähert sich auf einmal ein Zug. Einer von diesen langen Güterwagons. Er rattert vorbei mit tosendem Lärm. Der junge Mann hält inne weiß er doch das er gegen diesen Lärm nicht angekommen kann. So sitzen die Kamera vor dem junge Mann und beide warten. Es ist ein langer Zug. Eine lange Pause. Eine Pause mit dessen verlorener Zeit Du Haiban ganz unverhofft eine Sequenz auf Bild hält die von solch unglaublicher ekstatischer Wahrheit ist. Es ist einer dieser Momente, welchem man im neuen Chinesischem Dokumentarfilm oft begegnet, welchen man als aufgefangene transzendente Alltäglichkeit bezeichnen kann. Der Zug fährt, überschattet und unterdrückt das Individuum mit seine komplexen Gefühle und Erinnerungen und der Mensch kann nicht anders als warten und zuschauen. Zuschauen wie diese Maschinerie an ihm vorbeifährt und ihm bald endlich wieder den Atem für seine Worte zurück gibt. Um ihn herum bewegt es sich in für ihn nicht greifbarer Geschwindigkeit doch er kann nichts weiter machen als inne halten, anhalten. Doch es ist ein langer Zug. Ein langer Moment. Eine lange Pause. Eine die im Gedächtnis bleibt.

Freitag, 20. Januar 2012

Disorder (Huang Weikai, 2009)

"Welcome to China...anytime, anywhere, anything could happened in this country."

OT - Xian zai shi guo qu de wei lai
Regisseur - Huang Weikai
Erscheinungsjahr - 2009
Laufzeit - 58 Minuten



Der Film beginnt mit einer Abfolge von delokalisierten Events ohne jegliche Form der Erklärung oder Exposition außer vielleicht durch aus-dem-Moment gezogenen Informationsschnipsel, verbal oder bildlich. Eine Meute räumt einen Supermarkt aus. Eine Kakerlake wird in dem Essen gefunden welches sich ein junger Herr bestellt hat. Und ein Haufen Bärenpfoten werden in einer Kühltruhe gefunden. Nach zehn Minuten augenscheinlichem Chaos erscheint der Titelbildschirm und auf schwarzem Grund erscheinen Busbuchten welche ein Wort ergeben. D.I.S.O.R.D.E.R. Durcheinander auf deutsch. Das Internet bietet hier zwei Bedeutungserklärungen: [1] verschiedene Prozesse laufen gleichzeitig, wahl- und regellos ab; [2] Dinge befinden sich im Zustand der Unordnung. Nun ist das was nach den ersten 10 Minuten abläuft wahrliche in diesen beiden Erklärungen zu erkennen doch mag ich es nicht komplett dazu kategorisieren.



Huang Weikai wühlt sich durch Berge an Aufnahmen, über 1000 Stunden an der Zahl, aufgenommen von verschiedenen Amateurfilmern sowie von ihm selbst. Dabei konvertierte er das aufgenommene in schwarz-weiß. Körniges schwarz weiß. Eine Endscheidung welche sich im Kontext des gesehenes recht erfrischend/ergänzend erweist. 1 Stunde lang werden wir Zeuge des alltäglichen Wahnsinns menschlicher Absurdität in einer koexistierenden Welt. Ein Krokodil wird in einem Kanal entdeckt und schnell bildet sich eine Menschenmenge um das Spektakel wie versucht wird das Tier dort hinaus und letztendlich fort zu schaffen. Blitze von Kameras drängeln sich wie die Körper der schaulustigen zusammen und fangen an zu Jubeln als das Tier endlich gefesselt im Rücksitz eines Wagen verschwindet. Huang verschmilzt diese Farce mit dem Fund eines Neugeborenen, knapp 3-4 Monate alt, versteckt an der Seite einer Landstraße. Nur ein paar Frauen lassen sich finden welche dem Kind etwas Milch geben und dann auf die Polizei warten. Und deshalb auch meine Zurückhaltung im Falle der Kategorisierung des Filmes als etwas "wahl- und regelloses". Huang nimmt das ihm zur Verfügung gestellte Material und versetzt es in der Zeit, schneidet es aneinander gegensätzlichen Polen oder sich vervollständigenden Ereignissen und kreiert somit in seiner "Symphonie der Großstadt", wie der Film des öfteren genant worden ist, den Kontext zwischen den Zeilen. In den Verbindungen einer langsam platzenden Gesellschaft dessen Wertesystem schon längst am verrutschen ist. Das körnige schwarz-weiß Bild verstärkt dann nur noch wie angedeutet die ständige Absurdität und Surreale Qualität des Gesehenes. Ein Ansturm von Menschlichem Leben welcher so gesehen ganz Konsequent in einem unkontrollierten Handgemenge mit Zivilbevölkerung und Polizei endet und akustisch uns dann auch über die Credits bis zum Schluss, welcher leider schon viel zu früh kommt, begleitet.
Das Leben im 21. Jahrhundert: fragmentarisch, unsortiert, enorm und irgendwie komisch.

Freitag, 9. Dezember 2011

Bumming in Beijing: The Last Dreamers

"We can't expect everyone to live or die just for great causes."

OT - Liulang Beijing
Regie & Kamera - Wu Wenguang
Erscheinungsjahr - 1990
Laufzeit - 70 Minuten


Wu Wenguang (Fuck Cinema) schlendert durch die Straßen Bejings und holt sich ein paar seiner Bekannten vor die Kamera um ihnen ein paar kleine aber essentielle Fragen über ihre momentane Existenz zu stellen. Alle befragten sind nämlich drifter. Künstler die ihre Eigenständigkeit und Unabhängigkeit gegenüber des Staates, welcher sie in verschiedene Job,n in verschiedene Regionen Chinas verfrachten wollte, nur in der Metropole Bejing als freiberufliche finden konnten. Stets auf der Suche nach einem stabilen Platz zum Wohnen, einem Mahl zum essen und auf der Flucht vor dem eigenen Wahnsinn. Aber dies ist der, bewusste, Preis den alle zahlen müssen um wirklich das zu tun was sie wollen und nicht das was die Gesellschaft von ihnen verlangt. Wu, welcher damals selbst einen ähnliche freiberuflichen Weg ging, folgt mit seiner Kamera bewusst nur Personen die er schon kennt und welche ihn schon kennen um dadurch eine gewisse Art von Intimität in ihrer Porträtierung zu erreichen welche so sonst bei Fremden schlicht weg fast unmöglich gewesen wäre. Ganz zu schweigen davon das es der eigentlichen Intention enorm hilft den Kampf nach Individueller Freiheit klar und mit der nötigen Integrität für die Sache darzustellen. Was ihm damals aber wohl nicht bewusst war ist die Tatsache das Bumming in Bejing in seiner von jeglichen Normen des Staates eigenständigen und intern blickenden unbeirrbaren Sichtweiße der quasi-Beginn der Untergrund Welle des neuen Chinesischen Dokumentarfilms werden sollte. Das alles zwar noch mit einzelnen Implementierungen einiger gängigen Methoden in der Form (z.B. den talking-heads), etwas was den Film für Wu in Retrospektive sogar zu einem "fehlgeschlagenes Experiment" macht. Das alles schmälert die Kraft des Films aber nur gering da man hier schon deutlich den kraftvollen Weg sieht welcher in der Zukunft so ein enorm erfrischender wurde der die Probleme, Veränderungen und die alltägliche Realität des eigenen Landes (welche viel zu oft einer Verzerrung durch den Staat zu Opfer fällt) dokumentierte. Allein dafür, wenn nicht schon für die eigentliche Qualität, ist das hier ein wahrhaftiges Muss für Interessenten.